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Wie eine Nußdorfer Bücherei vom Verfall bedrohte Bücher rettet - 375 alte Bibeln restauriert

18.04.2006 01:00
So sauber wie aus Doktor Fausts Skriptorium

Gut Ding will Weile haben. Dies gilt auch für die Restaurierung seltener, bibliophiler Kostbarkeiten, einem traditionsreichen Handwerk, auf das sich die Buchbindermeister Hedwig und Klaus Müller in ihrer Nußdorfer Werkstatt spezialisiert haben. Im Februar haben sie ihre 375. Bibel fertig restauriert und das wertvolle Stück seinem stolzen Besitzer zurückgegeben. Ein Jahr lang hat die aufwändige Wiederherstellung der uralten Heiligen Schrift gedauert, die vermutlich längere Zeit in einem feuchten Keller ihr Schattendasein fristete und an der nicht nur der Zahn der Zeit genagt hatte.
Inzwischen warten bereits wieder zehn weitere, vom Verfall bedrohte Relikte der Vergangenheit auf die fachkundige Bearbeitung von Meisterhand. Die 1000-seitige „Nürnberger Lutherbibel”, die jetzt vor Klaus Müller auf dem Werkstatttisch liegt, stammt aus dem Jahr 1733 und hat veritable Ausmaße: Fast 40 Zentimeter hoch, 25 Zentimeter breit und 13 Zentimeter dick, wiegt sie stattliche sieben Kilogramm. Stockflecken und Eselsohren verunzieren das Buch der Bücher, etliche Seiten sind arg zerfranst, einige zerrissen. Der einstige Ledereinband fehlt ebenso wie die Metallecken und Schließen. Nur noch Teile des Deckels aus Buchenholz sind erhalten. „Oft sieht man an den Kerben auf dem Holz, dass der Hausvater auf der Bibel Brot geschnitten hat”, weiß Meister Müller. Behutsam entfernt er die Fäden, mit denen die Papierbögen zusammengeheftet waren und zerlegt das Buch in einzelne Lagen. Mit einem feinen Pinsel wird jede Seite sorgfältig von jahrhundertealtem Staub befreit.
Doch wie werden die verschmutzten Seiten wieder sauber und leserlich? „Die kommen in die Papierwaschmaschine”, erklärt Müller und steigt in den Kellerraum hinab. Dort breitet er jeweils bis zu 100 Seiten auf einem Plastikgitter in einem Becken aus, wo die Bögen von reinem, kaltem Leitungswasser stundenlang sanft umspült werden. Dabei schwenkt das Nass den Schmutz und Gilb von Jahrhunderten heraus, und die Blätter werden so sauber, als kämen sie frisch aus Doktor Fausts Skriptorium.
Für Seiten, denen ein Stück fehlt, folgt dann die nächste Prozedur: die Anfaserungsarbeit. Hierfür legt Müller die beschädigte Seite auf einen Siebeinsatz in einen Wasserkasten. In einem Glas rührt er Papierrohstoff und Wasser an und schüttet alles in einen Küchenmixer, der das Gemisch eins-zwei-drei zu Brei zerwirbelt. Falls nötig, rührt Müller noch, je nach Farbton der Originalseiten, selbst hergestellte Farbe hinzu. Durch einen Schlauch wird der Papierbrei in das Wasserbecken gepumpt.
Als der Meister das Papier vom Sieb nimmt, hat sich der Faserbrei wundersamerweise an den fehlenden Ecken angelagert. Auch der Kleister, der durch das Waschen und Anfasern ausgeschwemmt wurde, muss ersetzt werden: Seite für Seite wird eingepinselt mit Weizenkleister, der dem Papier die notwendige Festigkeit verleiht. Die nassen Blätter trocknen zwischen Vlieslagen in einer 100 Jahre alten, gusseisernen Presse, der „Gauche“. So lange, bis die gesamte Feuchtigkeit aus dem Papier gesaugt ist. Nach dem sorgfältigen Beschneiden aller Papierblätter erhalten die geordneten Bogen wieder ihr Rückgrat: mit Nadel und Faden werden sie wieder zusammengeheftet.
„Heften macht mir am meisten Spaß“, sagt Renate Schreiber, die seit 22 Jahren in der Buchbinderei Müller arbeitet. „Dabei kann ich nämlich sitzen“, ergänzt sie. Die meisten Buchbinderarbeiten gehen allerdings im Stehen besser von der Hand. Wie etwa das Glätten der Seiten, wofür sie ein ganz normales Haushaltsbügeleisen verwendet.
Bis die 273 Jahre alte Lutherbibel wieder in ihrem neuen, alten Glanz erstrahlt, mit zeitgenössischem Ledereinband eingebunden und eigens angefertigten Metallecken und Schließen versehen ist, werden noch einige Monate vergehen. Denn schließlich ist die Bibelrestaurierung nicht der einzige Broterwerb des Meisterehepaars. „Die alltägliche Buchbinderarbeit muss nebenbei auch mitlaufen“, sagt der Meister und deutet auf einen Stapel alter Bücher in einem Regal. Darunter Märchenbücher, die ein Großvater für seine Enkel restaurieren lassen will und ein abgegriffenes Kochbuch von 1898.
Begonnen hat die alte Handwerkskunst in der Kirchstraße im Jahr 1977, als sich Müller im Keller, unter dem Lebensmittelladen seines Vaters, selbstständig machte. „Im Keller liegt unsere Keimzelle“, meint er. „Aber jetzt leben wir schon seit 20 Jahren über der Erde“, lacht seine Frau Hedwig – und beugt sich an ihrem Arbeitstisch über die vergilbten Buchseiten einer anderen Bibel. Auf deren Titelblatt steht in altertümlichen Lettern: „Anjetzt mit gantz neuen und schönen Kupfer-Bildnissen nebst derenselben beygedruckten Lebensläufen ausgezieret, dann von denen vorhin eingeschlichenen Druck-Fehlern auf das fleissigste gereiniget“.

 

Quelle: DIE RHEINPFALZ Nr. 90 

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