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Seite für Seite Geschichte

03.07.1983 01:00
Buchbinder-Werkstatt Müller in Nußdorf nimmt sich alter Bibeln an

Sie liegt in Omas eisenbeschlagener Wäschetruhe, man stöbert sie in der alten Scheuer auf; der Kirchendiener entdeckt sie durch Zufall in einer vernagelten Kiste auf dem Speicher des alten Pfarrhauses: Das Buch der Bücher, die Bibel, die durch Martin Luthers kraftvolle Übersetzung vom Theologenbuch zum Volksbuch wurde. Früher ein kostbares, wohlgehütetes Familienkleinod, seit dem 16. oder 17. Jahrhundert von Generation zu Generation weitergegeben, geriet sie später oft in Vergessenheit.

Wenn sie heute oft zufällig wiedergefunden wird, ist die Bibel zernagt vom Zahn der Zeit, zerfleddert, der Rücken brüchig, viele Teile amputiert. „Manche Gewände werden oft nur noch von Löchern zusammengehalten, Metallbeschläge oder -schließen fehlen ganz oder haben ihren Glanz verloren.“ Buchbindermeister Klaus Müller aus Nußdorf bei Landau zeigt ein stattliches Exemplar vor, dessen Schriftbild besonders gut erhalten ist. Zusammen mit seiner Frau und Berufskollegin Hedwig hat er sich auf die Restauration alter Bibeln spezialisiert. Längst ist Nußdorf ein Geheimtip unter Bücherfreunden: Unweit des „Bauernhauses“, der Keimzelle des pfälzischen Bauernkrieges haben sich die beiden Buchbindermeister eine Werkstatt eingerichtet, in der die alten Bücher wieder zu neuem Glanz kommen. Aus allen Winkeln der Pfalz und aus ganz Deutschland stammend sind sie hier endlich gut aufgehoben: „Leider werden alte Bibeln oft von Bücherschindern und Antiquitätenhändlern ihrer alten Stiche beraubt!“

Die Restauration braucht viel Zeit. Zunächst wird das alte Stück vorsichtig zerlegt, die schon lange außer Form geratenen Schweinslederdeckel werden entfernt. Der nun bloßliegende Buchrücken wird in warmem Wasser aufgelöst, der alte tierische Haut- und Knochenleim abgekratzt. Heftfäden werden aufgetrennt, Lage für Lage vom Buchblock gelöst. Jetzt wird jede Seite grob trockengereinigt, wobei neben viel Staub, Steinchen und Fruchtkörnern gelegentlich auch ein Holzwurm hervorkommt.

Nach dieser Prozedur werden die einzelnen Bogen geklebt, ausgerichtet und wenn nötig in Japanpapier eingebettet. Mit Nadel und Faden wird nun der Buchblock wieder fest zusammengefügt, auf Form gebracht und abgeleimt. Nach dem Befestigen des Buchdeckels und dem Einbinden in Schweinsleder werden mit heißer Messingfilette Blindprägungen nachgestaltet und auf das Leder aufgeprägt. Metallecken und -schließen, nach alten Vorbildern gearbeitet, werden zum Abschluß auf dem Ledereinband befestigt.

Jetzt ist sie wieder zu alter Pracht und Stattlichkeit gekommen, die Familienbibel. Chronistische Eintragungen auf den Vorder- und Rückseiten künden von Geburten und Tod. Sie belegen ein Stück Geschichte, Zeugnisse der Generationen - hohe Kindersterblichkeit, Hagelschlag und Erntekatastrophen, Krieg und Frieden.

 

Quelle: SONNTAG AKTUELL; von B. Weiß 

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