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Neuer Glanz für alte Bibeln

04.03.2017 19:10
In der Buchbinderei werden auch zerfledderte Bücher wieder fast neu
In der Buchbinderei werden auch zerfledderte Bücher wieder fast neu
Bericht: 4.März 2017 von Brigitte Schmalenberg,
 
„DIE RHEINPFALZ - Kinderzimmer: Die Seite mit dem Biber“
Aus der Reihe mit Nils Nager unterwegs: berichtet die "DIE RHEINPFALZ“ jeden Samstag über die neuesten Abenteuer und zeigt Kindern Wissenswertes aus dieser Welt.
 

Luther, Luther, Luther – überall ist plötzlich von diesem Luther die Rede! „Wer war das eigentlich?“, will Nessy wissen und löst damit bei Oma Nagute einen wahren Redeschwall aus. „Gut, dass du danach fragst“, lobt sie Nessys Neugierde und versammelt uns Biberkinder um ihren grünen Lieblingssessel.

„Dieser Martin Luther war ein Mönch, der mit vielen Umständen in der katholischen Kirche nicht einverstanden war. Deshalb schlug er kurzer Hand 95 Thesen – also Gedanken – an ein Kirchentor, die auf diese Missstände aufmerksam machten. Das führte dazu, dass sich viele Menschen seiner Meinung anschlossen. So begann genau vor 500 Jahren die sogenannte Reformation, also eine Erneuerung der Kirche. Daraus ging die evangelische Kirche hervor. An dieses Jubiläum wird in diesem Jahr in ganz Deutschland erinnert“, erzählt Oma Nagute. Und hört mit ihrem Vortrag noch immer nicht auf.

„Luther wollte aber auch, dass alle Gläubigen die Heilige Schrift lesen können, die in der katholischen Kirche nur in lateinischer Sprache verwendet wurde. Deshalb hat er die alte Sprache in ein für alle Leute in ein gut verständliches Deutsch übersetzt. Seine Lutherbibeln verbreiteten sich schnell und noch heute gibt es solche uralten Bibeln“. „Das stimmt“, schaltet sich nun Papa Nagbert ein, der zwei Buchbinder kenn: „In Nußdorf gibt es eine Buchbinderei, die sich darauf spezialisiert hat, solche alten Bibeln zu restaurieren. Die Buchbindermeister Hedwig und Klaus Müller haben mir erzählt, dass sie in all den Jahren schon 499 Lutherbibeln wieder auf Vordermann gebracht haben und just gerade zum Reformationsjubiläum gerade an der 500. Bibel arbeiten. Sollen wir dabei einmal Mäuschen spielen?“ „Na klar!“ rufen Nessy, Nals und ich wie aus einem Munde und dürfen gleich am nächsten Tag mit Papa Nagbert in die Buchbinderei trotten. Die Müllers freuen sich immer über Besuch und erklären uns ganz geduldig, wie enorm aufwendig ihr altes Handwerk ist.

Die alte Lutherbibel liegt total zerfleddert auf dem Tisch und wird erst einmal genau untersucht. Der Ledereinband des Buchdeckels ist so morsch und zerrissen, dass man darunter die schützende Holzplatte sehen kann, an der schon der Holzwurm nagte. Viele der vergilbten Seiten sind von Feuchtigkeit und Moder zerfressen. Auf den ersten Seiten findet Klaus Müller die Jahreszahl 1736. „Wow, dann hat das Buch ja schon 281 Jahre auf dem Buckel“, rechne ich blitzschnell. Der Buchbinder nickt und zeigt uns handschriftliche Eintragungen, die von einer Taufe und einer Hochzeit berichten. „Diese persönliche Notizen müssen natürlich besonders geschützt werden“; weiß der Fachmann und erklärt, dass früher viele Familien eine Bibel hatten, die sie an die nächste Generation weitergaben. Dieses Exemplar wurde auf einem Speicher gefunden und soll wieder zu Ehren kommen.

„Wir nehmen jetzt das ganze Buch komplett auseinander, um jedes Blatt zu reinigen, neu anzufasern und wieder zusammenheften“, erläutert der Buchbinder. „Was ist denn anfasern?“ will Nals wissen und so dürfen wir mit in den Keller, das wahre Herz der Buchbinderei, kommen. „Anfasern bedeutet, dass man das alte poröse oder sogar gerissene Papier in einem ganz speziellen Bad mit neuem Papier zu einem stabilen Blatt vermischt. Schaut mal zu!“ Mitarbeiterin Manuela Wörner legt vorsichtig eine gereinigte Doppelseite in eine Wanne, drückt sie mit einem Sieb unter Wasser, gibt mit dem Schlauch den zuvor gemixten Papierbrei dazu und zeigt uns, wie sich nun die Fasern des Breis mit dem aufgeweichten alten Papier verbinden. Schon wird das Doppelblatt wiederaus dem Anfaserungsbad gehoben, auf einen Trockentisch mit Absauganlage abgelegt und dann zwischen schützenden Vliesen in die Buchbinderpresse gelegt. Mit aller Kraft dreht Klaus Müller die Presse auf das Blatt, sodass auch die letzte Feuchtigkeit entweichen kann. „Fantastisch, dass die Seiten wieder so schön glatt und ebenmäßig sind“, staunt Papa Nagbert. Und er überlegt wie lange es wohl dauert, bis alle 300 Bogen rundum erneuert sind. „Ein paar Wochen Arbeit ist das schon“, meint Klaus Müller und ist froh, dass seine Frau in der Zwischenzeit den Ledereinband erneuert. Wenn alle Seiten fertig sind, wird sie sich an die Heftlade setzen und die Blätter mit einem Buchbinderzwirn neu zusammenheften. Ähnlich wie bei einem Webrahmen wird der Faden durch immer drei Doppelseiten gezogen, dann werden diese Minigebinde in Blocks und schließlich komplett zusammengefasst. Zum Schluss wird das Buch mit dem neuen Ledereinband “angezogen". Weil der Einband auch wieder so hübsch verzierte Metallecken und eine originalgetreue Schließe bekommt, ist die alte Lutherbibel nun fast neu.

 

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