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Die hundertste alte Bibel restauriert

28.10.1987 01:00
Buchbinder Klaus und Hedwig Müller haben guten Ruf im ganzen Bundesgebiet erworben

Bei der Buchbinderei Müller in Nußdorf wurde in aller Stille ein kleines Jubiläum begangen, von dem zunächst - natürlich - nur Eingeweihte etwas mitbekommen haben. Die hundertste Bibel seit Herbst 1982 wurde restauriert und sieht jetzt beinahe wieder wie „neu“ aus. Der Besitzer des wertvollen Stücks, ein Privatmann aus dem Raum Frankfurt, wird sich freuen, wenn er seine vorher auf dem Speicher aufbewahrte und nun von Hedwig Müller in mühevoller Arbeit aufgearbeitete Bibel demnächst abholt.

Das „Jubiläumsstück“ (auf dem Titelblatt steht: „Die fünff Bücher Mose. Teutsch: D. Mart. Luther, Nürnberg. Gedruckt und verlegt im Jahr 1643“) stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der Auftraggeber aus Idstein im Taunus war durch eine Fernsehsendung auf die beiden Buchbindermeister Klaus und Hedwig Müller aus Nußdorf aufmerksam geworden. In verschiedenen Sendungen wurde schon über die Restaurierungstätigkeit der Müllers berichtet, auch Tages- und Wochenzeitungen sowie kirchliche Magazine haben in Wort und Bild dargestellt, wie in der Werkstatt in der Kirchstraße 49 gearbeitet wird: per Hand und kaum mit Maschinen. Die Kunden des Ehepaares Müller kommen aus dem ganzen Bundesgebiet, zumal nur wenige der rund 1500 bundesdeutschen Buchbindereien sich den diffizilen und auch zeitaufwendigen, sehr viel Geschick erfordernden Arbeiten auf dem Gebiet des Restaurierens widmen.
Mit der „Jubiläums-Bibel“ verhielt es sich nicht anders wie mit den 99 vorher wiederhergestellten Büchern der Bücher. Zuerst wurde sie ganz zerlegt. Die 1300 Seiten wurden ausgebessert, trocken gereinigt und mit einem Bügeleisen bzw. einer Presse geglättet. Danach erfolgte das Heften in Lagen. Zerfledderte Seiten wurden in Japanpapier eingebettet; dabei handelt es sich um ein nur in Japan hergestelltes, besonders leichtes Papier. Das Restaurieren alter Bibeln ist keine ganz billige Angelegenheit. Eine Vollrestaurierung kann bis zu 2.000 Mark kosten.
Seit fünf Jahren betreiben die Müllers ihre Buchbinderei hauptberuflich, nachdem sie vorher ebenso lange mehr einen Feierabend-Betrieb unterhielten. Inzwischen hat sich herumgesprochen, daß Klaus und Hedwig Müller Spezialisten sind. Ihr Kundenstamm ist stark gewachsen. Natürlich führen sie auch andere Arbeiten aus: Bücher, Zeitschriften und Gesetzesblätter werden gebunden; Bilder, Plakate und Landschaften aufgezogen; Kästen, Mappen und Kassetten hergestellt; Telefon-, Foto- und Gästebücher angefertigt. Restauriert werden neben Bibeln auch Wörter-, Koch- und Kinderbücher.

Hedwig Müller arbeitete zuletzt 50 Stunden an der vor 350 Jahren gedruckten Bibel. Die älteste von ihr restaurierte Heilige Schrift stammte aus dem Jahre 1530, sie war 1.400 Seiten stark und 20 Pfund schwer. Weitere sechs Exemplare warten auf sie. Fragt man die Meisterin, was man besonders für diese Arbeit braucht, sagt sie: „Viel Geduld“. Und auch Geschick - zum Beispiel beim Ausbessern fehlender Ecken mit altem Papier, beim Wiederherstellen des Einbandes einschließlich des Anbringens neuer Beschläge.
Wenn ein Kunde mit einer Bibel kommt, die keine Jahreszahl enthält und wissen will, ob sein Stück sehr alt ist (und demnach sehr wertvoll - die Lieberhaberwerte erreichen bei Auktionen Preise bis zu 5.000 Mark), dann schlagen die Müllers in ihrem selbsterstellten „Archiv“ nach. Sie haben in all den Jahren Fotokopien von zeitlich genau einzuordnenden Bibelseiten gemacht und können anhand der Schriftvergleiche feststellen, aus welcher Zeit etwa das zu restaurierende Werk stammt.

 

Quelle: Die Rheinpfalz, Nr. 250

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