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Buchbindermeister-Ehepaar aus Landau-Nußdorf restauriert drei wertvolle Bücher aus der Druckerwerkstatt Harnisch

17.02.2000 01:00
Verschmutzte Bücher? Ab in die Waschmaschine

Getragene Hemden? Ab in die Waschmaschine. Dreckige Socken? Ab in die Waschmaschine. Verschmutzte Bücher? Ab in die Waschmaschine - in diesem Fall muss es allerdings eine besondere sein. Ein solches Spezialgerät steht in Landau-Nußdorf in der Buchbinderei Müller.
Das Ehepaar Hedwig und Klaus Müller, beide Meister ihres Faches, hat sich auf die Restaurierung alter Bücher spezialisiert und bemüht sich gerade um die Wiederherstellung von drei alten Werken aus der berühmten Neustadter Durckerwerkstatt des Matthias, Matthäus oder auch Matthes Harnisch, der Ende des 16. Jahrhunderts in Neustadt arbeitete. Das Arzneibuch von 1582, das prächtige „Tribuselonim“ von 1599 mit punziertem Goldschnitt, und ein Kommentar zur Heiligen Schrift mit unbekanntem Entstehungsjahr sollen bei der Ausstellung zum Stadtjubiläum gezeigt werden, waren aber in einem alles andere als salonfähigem Zustand.
In einem ersten Schritt fegt der Praktikant Florian Becker - nein, nicht die Werkstatt - sondern die Bücher aus: Seite für Seite entfernt er mit einer feinen Bürste den Staub der Jahrhunderte. Hedwig Müller hat den Buchdeckel des Harnisch-Arzneibuches von 1582 „gehäutet“. Unter dem Schweinsleder-Einband kommt ein dünnes Holzbrett zum Vorschein, das aber nicht nur gebrochen, sondern auch von einem echten Bücherwurm zerfressen ist. Manchmal gehen die Würmer auch ins Papier, doch das ist hier zum Glück nicht der Fall.
Neue Holzdeckel gibt es fertig, sie müssen nur noch zugeschnitten werden. Die Deckel sind an zwei Stellen durchbohrt: Durch das erste Loch werden die dicken Kordeln oder „Bünde“ durchgezogen, die über den Buchrücken verlaufen und an denen die Seiten mit Fäden angeheftet sind. Im zweiten Loch werden die Bünde mit einem kleinen Holzpflock verkeilt. Auf der anderen Seite halten kleine Riemchen mit metallenen Schließen das Buch geschlossen. Doch die Lederriemen werden im Laufe der Zeit brüchig, die Schließen fehlen meistens. „Nur das fest im Buchdeckel eingelassene Verschluss-Gegenstück ist in der Regel noch vorhanden“, erzählt Hedwig Müller. Die Messingschließen müssen daher ebenfalls nachgefertigt und neu befestigt werden.
Jeweils drei bis vier Doppelblätter haben die alten Buchbinder mit Fäden zusammengeheftet, die wiederum an den Bünden befestigt waren. Im Falle des Arzneibuches ist der Buchblock noch recht gut in Ordnung, nur die ersten Seiten sind lose, einige auch stark vom Zahn der Zeit angeknabbert. Doch selbst solche Fehlstellen sind kein Problem für die Restauratoren: In Klaus Müllers Nasswerkstatt im Keller der Buchbinderei können selbst größere fehlende Flächen wieder ergänzt werden.

Doch zuvor kommt die eingangs erwähnte Waschmaschine ins Spiel:

Müller legt die voreinander gelösten Seiten auf ein großes Plastiksieb, jeweils voneinander durch ein Papiersieb getrennt. Ein ganzer Packen alter Seiten kommt dann in die Maschine, einen Wasserkasten, in dem die Papierstöße sanft hin- und hergeschaukelt und umspült werden. Dabei löst reines Wasser ohne Zusätze den Gilb der Jahre - die Blätter sind nach vier bis fünf Stunden wieder bleich und sauber wie am ersten Tage. Stockflecken, Staub und Dreck werden ausgeschwemmt. „Moderne Papiere würden das nicht aushalten“, sagt Müller schmunzelnd, doch hier geht es um Papiere aus Hader, Lumpen, Wollresten und dergleichen.
Einen ähnlichen Papierrohstoff aus Baumwolle hebt Müller als flockiges weißes Pulver in Einmachgläsern auf. Ein, zwei Löffel davon gibt er in einen Küchenmixer und rührt mit Wasser einen dünnen Papierbrei an. In einem Wasserkasten liegt eine defekte Seite auf einem Siebeinsatz unter Wasser. Hier hinein wird der Papierbrei gepumpt, der sich wie durch ein Wunder an der Fehlstelle anlagert, als Müller das Sieb heraushebt. Die so angeflickte Seite wird zwischen Filzen gepresst und muss später noch beschnitten werden.
Weil beim Waschen und Anfasern aber auch der Kleister ausgeschwemmt wird, der dem Papier die Festigkeit gab, müssen die Seiten nachgeleimt werden. Das geschieht auf einer siebartigen Arbeitsfläche, durch die ein Gebläse Luft saugt. Wenn Müller nun die Papiere mit einer Bürste einkleistert, dringt der Kleber ins Papier ein und gibt ihm neue Festigkeit. Anschließend werden die Seiten zwischen stark saugenden Pappen getrocknet. Nach dreimaligem Wechsel der Zwischenlagen sind die Blätter nach etwas vier Stunden wieder trocken - rasch genug, um erneutes Schimmeln oder Wasserflecke zu verhindern. Der Rest ist Fleißarbeit: Die Bücher werden neu geheftet und wieder in die restaurierten Deckel eingebunden.

 

Quelle: DIE RHEINPFALZ, Nr. 40

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