Pressenotizen

03.07.1983 - Seite für Seite Geschichte

28.10.1987 - Die hundertste alte Bibel restauriert

20.07.1993 - Jubiläum: 200 Bibeln restauriert

29.03.1994 - Heften und Binden ...

10/1996 - Gelegentlich ein Holzwurm ... (250. Bibel)

18.07.1999 - Vor der Restaurierung ... (300. Bibel)

09/1999 - Buch und Schrift in der Pfalz

17.02.2000 - Verschmutzte Bücher? ...

05.01.2002 - Handgefertigtes Gästebuch für die Festhalle

27.04.2003 - Restaurator für bibliophile Kostbarkeiten

23.04.2004 - 350. Bibel restauriert

13.12.2004 - Das Goldene Buch der Landeshauptstadt

18.04.2006 - 375 alte Bibeln restauriert

13.11.2007 - Bibeln bekommen neues Gesicht (400. Bibel) 

23.09.2010 - Preis des Handwerks Rheinland-Pfalz 2010


Buchbinder-Werkstatt Müller in Nußdorf nimmt sich alter Bibeln an

Seite für Seite Geschichte

Sonntag, 03. Juli 1983 -- SONNTAG AKTUELL

von B. Weiß

Sie liegt in Omas eisenbeschlagener Wäschetruhe, man stöbert sie in der alten Scheuer auf; der Kirchendiener entdeckt sie durch Zufall in einer vernagelten Kiste auf dem Speicher des alten Pfarrhauses: Das Buch der Bücher, die Bibel, die durch Martin Luthers kraftvolle Übersetzung vom Theologenbuch zum Volksbuch wurde. Früher ein kostbares, wohlgehütetes Familienkleinod, seit dem 16. oder 17. Jahrhundert von Generation zu Generation weitergegeben, geriet sie später oft in Vergessenheit.

Wenn sie heute oft zufällig wiedergefunden wird, ist die Bibel zernagt vom Zahn der Zeit, zerfleddert, der Rücken brüchig, viele Teile amputiert. „Manche Gewände werden oft nur noch von Löchern zusammengehalten, Metallbeschläge oder -schließen fehlen ganz oder haben ihren Glanz verloren.“ Buchbindermeister Klaus Müller aus Nußdorf bei Landau zeigt ein stattliches Exemplar vor, dessen Schriftbild besonders gut erhalten ist. Zusammen mit seiner Frau und Berufskollegin Hedwig hat er sich auf die Restauration alter Bibeln spezialisiert. Längst ist Nußdorf ein Geheimtip unter Bücherfreunden: Unweit des „Bauernhauses“, der Keimzelle des pfälzischen Bauernkrieges haben sich die beiden Buchbindermeister eine Werkstatt eingerichtet, in der die alten Bücher wieder zu neuem Glanz kommen. Aus allen Winkeln der Pfalz und aus ganz Deutschland stammend sind sie hier endlich gut aufgehoben: „Leider werden alte Bibeln oft von Bücherschindern und Antiquitätenhändlern ihrer alten Stiche beraubt!“

Die Restauration braucht viel Zeit. Zunächst wird das alte Stück vorsichtig zerlegt, die schon lange außer Form geratenen Schweinslederdeckel werden entfernt. Der nun bloßliegende Buchrücken wird in warmem Wasser aufgelöst, der alte tierische Haut- und Knochenleim abgekratzt. Heftfäden werden aufgetrennt, Lage für Lage vom Buchblock gelöst. Jetzt wird jede Seite grob trockengereinigt, wobei neben viel Staub, Steinchen und Fruchtkörnern gelegentlich auch ein Holzwurm hervorkommt.

Nach dieser Prozedur werden die einzelnen Bogen geklebt, ausgerichtet und wenn nötig in Japanpapier eingebettet. Mit Nadel und Faden wird nun der Buchblock wieder fest zusammengefügt, auf Form gebracht und abgeleimt. Nach dem Befestigen des Buchdeckels und dem Einbinden in Schweinsleder werden mit heißer Messingfilette Blindprägungen nachgestaltet und auf das Leder aufgeprägt. Metallecken und -schließen, nach alten Vorbildern gearbeitet, werden zum Abschluß auf dem Ledereinband befestigt.

Jetzt ist sie wieder zu alter Pracht und Stattlichkeit gekommen, die Familienbibel. Chronistische Eintragungen auf den Vorder- und Rückseiten künden von Geburten und Tod. Sie belegen ein Stück Geschichte, Zeugnisse der Generationen - hohe Kindersterblichkeit, Hagelschlag und Erntekatastrophen, Krieg und Frieden.


Die hundertste alte Bibel restauriert

Buchbinder Klaus und Hedwig Müller haben guten Ruf im ganzen Bundesgebiet erworben

Mittwoch, 28. Oktober 1987 -- DIE RHEINPFALZ Nr. 250

Bei der Buchbinderei Müller in Nußdorf wurde in aller Stille ein kleines Jubiläum begangen, von dem zunächst - natürlich - nur Eingeweihte etwas mitbekommen haben. Die hundertste Bibel seit Herbst 1982 wurde restauriert und sieht jetzt beinahe wieder wie „neu“ aus. Der Besitzer des wertvollen Stücks, ein Privatmann aus dem Raum Frankfurt, wird sich freuen, wenn er seine vorher auf dem Speicher aufbewahrte und nun von Hedwig Müller in mühevoller Arbeit aufgearbeitete Bibel demnächst abholt.

Das „Jubiläumsstück“ (auf dem Titelblatt steht: „Die fünff Bücher Mose. Teutsch: D. Mart. Luther, Nürnberg. Gedruckt und verlegt im Jahr 1643“) stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der Auftraggeber aus Idstein im Taunus war durch eine Fernsehsendung auf die beiden Buchbindermeister Klaus und Hedwig Müller aus Nußdorf aufmerksam geworden. In verschiedenen Sendungen wurde schon über die Restaurierungstätigkeit der Müllers berichtet, auch Tages- und Wochenzeitungen sowie kirchliche Magazine haben in Wort und Bild dargestellt, wie in der Werkstatt in der Kirchstraße 49 gearbeitet wird: per Hand und kaum mit Maschinen. Die Kunden des Ehepaares Müller kommen aus dem ganzen Bundesgebiet, zumal nur wenige der rund 1500 bundesdeutschen Buchbindereien sich den diffizilen und auch zeitaufwendigen, sehr viel Geschick erfordernden Arbeiten auf dem Gebiet des Restaurierens widmen.
Mit der „Jubiläums-Bibel“ verhielt es sich nicht anders wie mit den 99 vorher wiederhergestellten Büchern der Bücher. Zuerst wurde sie ganz zerlegt. Die 1300 Seiten wurden ausgebessert, trocken gereinigt und mit einem Bügeleisen bzw. einer Presse geglättet. Danach erfolgte das Heften in Lagen. Zerfledderte Seiten wurden in Japanpapier eingebettet; dabei handelt es sich um ein nur in Japan hergestelltes, besonders leichtes Papier. Das Restaurieren alter Bibeln ist keine ganz billige Angelegenheit. Eine Vollrestaurierung kann bis zu 2.000 Mark kosten.
Seit fünf Jahren betreiben die Müllers ihre Buchbinderei hauptberuflich, nachdem sie vorher ebenso lange mehr einen Feierabend-Betrieb unterhielten. Inzwischen hat sich herumgesprochen, daß Klaus und Hedwig Müller Spezialisten sind. Ihr Kundenstamm ist stark gewachsen. Natürlich führen sie auch andere Arbeiten aus: Bücher, Zeitschriften und Gesetzesblätter werden gebunden; Bilder, Plakate und Landschaften aufgezogen; Kästen, Mappen und Kassetten hergestellt; Telefon-, Foto- und Gästebücher angefertigt. Restauriert werden neben Bibeln auch Wörter-, Koch- und Kinderbücher.

Hedwig Müller arbeitete zuletzt 50 Stunden an der vor 350 Jahren gedruckten Bibel. Die älteste von ihr restaurierte Heilige Schrift stammte aus dem Jahre 1530, sie war 1.400 Seiten stark und 20 Pfund schwer. Weitere sechs Exemplare warten auf sie. Fragt man die Meisterin, was man besonders für diese Arbeit braucht, sagt sie: „Viel Geduld“. Und auch Geschick - zum Beispiel beim Ausbessern fehlender Ecken mit altem Papier, beim Wiederherstellen des Einbandes einschließlich des Anbringens neuer Beschläge.
Wenn ein Kunde mit einer Bibel kommt, die keine Jahreszahl enthält und wissen will, ob sein Stück sehr alt ist (und demnach sehr wertvoll - die Lieberhaberwerte erreichen bei Auktionen Preise bis zu 5.000 Mark), dann schlagen die Müllers in ihrem selbsterstellten „Archiv“ nach. Sie haben in all den Jahren Fotokopien von zeitlich genau einzuordnenden Bibelseiten gemacht und können anhand der Schriftvergleiche feststellen, aus welcher Zeit etwa das zu restaurierende Werk stammt.


Jubiläum: 200 Bibeln restauriert

Hedwig Müller darauf spezialisiert - Aufträge aus ganz Süddeutschland

Dienstag, 20. Juli 1993 -- DIE RHEINPFALZ Nr. 165

 

Hedwig Müller, Buchrestauratorin aus Nußdorf, konnte vor einigen Tagen ein besonderes Jubiläum feiern. Frau Müller, die sich auf Bibel-Restaurierungen spezialisiert hat, konnte das 200. Exemplar einer Bibel aus dem 17. Jahrhundert fertigstellen.

Die Jubiläumsbibel aus dem Jahre 1670, gedruckt in Ulm, ist für die Pfalz sehr selten. Diese Bibel wurde in der Buchbinder-Werkstätte Müller ganz zerlegt, Blatt für Blatt gewaschen, neu mit Faden geheftet, mit neuem Schweinsleder-Einband versehen und mit Messingecken und-schließen nach jahrhundertealten Mustern hergestellt. Viele Dutzende von Arbeitsstunden stecken in diesem restaurierten Buch, ebenso in allen anderen 199 vorher aufgearbeiteten Exemplaren.

Nur wer selbst einmal ein altes Buch aus früheren Jahrhunderten in den Händen hält, kann ermessen, welche Fleißarbeit damals die Papierschöpfer, Schriftsetzer, Buchdrucker und Buchbinder erbrachten, geht man davon aus, dass der laufende Text einer ganzen Bibel über eine Million Buchstaben hat bzw. über 1000 Seiten gedrucktes Papier umfasst und circa fünf Kilogramm schwer ist.

Da diese heute sehr kostbaren Familien-Bibeln selten sind, und es nur wenige Buch-Restauratoren gibt, kommen die Aufträge aus dem gesamten Süddeutschen Raum in die Nußdorfer Werkstätte Müller.

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Heften und Binden wie vor 2000 Jahren

Zehntes Buchbindeseminar in der Jugendherberge Bad Bergzabern
mit Teilnehmern aus ganz Deutschland

Dienstag, 29. März 1994 -- DIE RHEINPFALZ Nr. 74

BAD BERGZABERN (bck).

Leim, einen dicken Faden, Pappe, reißfesten Stoff und natürlich viel Papier: Mehr braucht es nicht, um ein Buch herzustellen. Doch entscheidend ist das Wie, und daran hat sich seit Christi Geburt wenig geändert.

In diese traditionsreiche Kunst führte Buchbindermeister Klaus Müller aus Nußdorf am Wochenende 15 neugierige Laien in der Jugendherberge Bad Bergzabern ein. Am Ende des Kurses hielt jeder der Teilnehmer sein eigenes Buch mit individuell gestaltetem Einband in den Händen.

Schon seit zehn Jahren finden diese Kurse statt, und das Interesse ist nach wie vor ungebrochen. Aus allen Teilen Deutschlands kommen Teilnehmer angereist, vom Rentner bis zur Hausfrau, vom Akademiker bis zur Sekretärin. Gemeinsam ist allen das Interesse an einem Handwerk, dessen Tradition 2000 Jahre zurückreicht. In Klöstern entstanden in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten frühe Meisterstücke, meist religiöse Handschriften auf Pergament, in Holz oder Leder gebunden.

Doch auch die Herstellung eines einfachen DIN-A5-Buches erfordert Geduld und Fingerspitzengefühl: Zunächst einmal muß ein Buchblock aus Papier mit Faden zusammengeheftet werden. Dann wird der Block in den Buchdeckel aus zwei kräftigen Pappen eingeklebt. Bei diesem Arbeitsschritt drängt Klaus Müller immer wieder zur Eile. Denn wenn der Leim zu trocken wird, fällt irgendwann das Papier aus dem Einband. Im letzten Arbeitsschritt ziehen die Bastler den Umschlag auf. Hier sind den angehenden Buchbindern keine Grenzen gesetzt. Manche drucken mit Holzmodel bunte Blumen, Ranken oder geometrische Muster aufs Papier, andere belassen es bei einer monochromen Farbfläche in Grellorange oder Giftgrün.

Iris Tietz, eine 26jährige Vermessungstechnikerin aus Siegen, weiß noch nicht, wozu sie ihren Erstling verwenden wird, aber was besonderes soll es sein. „Ich werde die einzelnen Herstellungsschritte in mein Buch eintragen“, sagt der Ulmer Rolf Schaubes. Den 45jährige Techniker fasziniert das Thema Buch an sich. Zu Hause habe er eine Menge Zeitschriften und Broschüren, die er einmal ordentlich binden möchte. Praktischen Nutzen von diesem Kurs erhofft sich auch Hildegard Koch aus Taunusstein. Sie ist Realschullehrerin und plant, als Jahresarbeit ein Poesiealbum mit ihren Schülern zu basteln. Doch vorher müsse sie sich erst einmal selbst in die Materie einarbeiten.

Adelheid Stein, Hausfrau aus Dortmund, fertigt ein Tagebuch für ihren Enkel an. Margit Mitterweger aus Augsburg wird ihre selbstgemachten Bücher an Freunde verschenken. Weil sich die 25jährige mit Seidenmalerei beschäftigt, möchte sie ihre Bücher in diesen edlen Stoff binden. Der älteste Buchbegeisterte ist der 70jährige Bad Bergzaberer Heinrich Haag. Schon seit Jahren sammelt er in Archiven Material, um eine genealogische Abhandlung zu schreiben. Aber nicht nur seine Familiengeschichte soll seinen persönlichen Stil tragen, sondern auch das Buch, in das sie geschrieben ist.


Gelegentlich ein Holzwurm zwischen staubigen Blättern

Buchbindereiwerkstatt Müller in Nußdorf restauriert in diesem Jahr 250. Bibelexemplar -
Lutherbibel aus dem 18. Jahrhundert

10/1996 -- Evangelischer Kirchenbote


Nußdorf. Lutherbibeln sind ihre Spezialität. Im Jubiläumsjahr des Reformators hat auch die Buchbinderwerkstatt Müller in Nußdorf Grund zum Feiern: 250 Bibeln waren schon in der „Behandlung“ der Restaurateure. In ihrer Werkstatt verhelfen Hedwig und Klaus Müller vielen Bibeln zu neuem Glanz. Das 250. Exemplar, eine Lutherbibel aus dem 18. Jahrhundert, soll bis Ostern wiederhergestellt sein. Bis dahin muss das alte Stück vollständig zerlegt werden.Die Schweinslederdeckel werden entfernt, die zusammengenähten Blätter Seite für Seite abgetrennt. Mit einer Bürste wird jedes Blatt gereinigt. Dabei fliegt viel Staub auf, und gelegentlich kommt ein Holzwurm hervor. Dann werden die brüchige Blätter gewaschen und getrocknet. Ganz zerfetzte Stücke werden in eine Wanne mit Papierbrei gelegt, die Fasern verbinden sich und die Seite „wächst“zum gewünschten Format. Mit Nadel und Faden werden die Bögen aneinandergeheftet. Der Deckel aus Holz und Leder wird befestigt - fertig ist das „neue“ alte Buch.

Wenn die hinzugefügten Seiten zu sehr von den alten und oft speckigen Blättern abstechen, werde der Patina schon mal mit Staub, Dreck und Vaseline nachgeholfen, „denn Staub gibt's bei uns jede Menge“, schmunzelt die Meisterin. „Die ganze Prozedur braucht 50 bis 60 Stunden Arbeitszeit“, betont der Buchbindermeister. Bis zu 3.500 Mark kostet die Restaurierung einer alten Bibel. Zur Zeit bearbeitet das Buchbinderehepaar 15 Bibeln. „Im Schnitt liegen die Bibeln ein Jahr bei uns, bis sie wieder zu ihren Besitzern zurückkommen“, so Müller.

Von allen restaurierten Bibeln kopiert sich Müller das Deckblatt und die Weihnachtsgeschichte. Er hat sich ein kleines Archiv angelegt. Damit kann der Buchbindermeister das Erscheinungsdatum von Bibeln rekonstruieren, deren Titelblatt unleserlich ist.

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Seit nunmehr rund 20 Jahren restauriert das Buchbinderehepaar Hedwig und Klaus Müller im Landauer Stadtteil Nußdorf alte Bücher. Ihre Spezialität sind historische Bibeln. 300 Heiligen Schriften aus dem gesamten süddeutschen Raum mit einem Mindestalter von jeweils 300 Jahren haben sie seither wieder zu neuem Glanz verholfen.

Vor der Restaurierung muß jede Bibel erst einmal
ins Krankenhaus

Sonntag, 18. Juli 1999 -- SONNTAG AKTUELL

Sie hat eine mehrere hundert Jahre alte Geschichte hinter sich, zahllose Generationen blätterten in ihr, lasen die Bücher des Alten und Neuen Testamentes, betrachteten sich die kunstvollen Illustrationen. Der Einband dieser Luther-Bibel aus dem 17. Jahrhundert ist mürbe, manche Seiten gerissen. Im vergangenen Jahr schlugen der heutige Besitzer, Helmut Seebach, der sich selbst als Buchliebhaber und -macher bezeichnet, ein neues Kapitel im „Leben“ dieser Bibel auf, brachte sie zur Restaurierung in die Südpfalz.

Der Zufall wollte es, daß just diese im Vergleich zu anderen aus dieser Zeit stammenden Exemplaren verhältnismäßig kleine und unscheinbare Heilige Schrift just die 300. historische Bibel ist, der die Nußdorfer Buchbindermeister Hedwig und Klaus Müller in ihrer Werkstatt zu neuer Würde verhelfen. „Sie wurde in Basel gedruckt und stammt aus dem Familienbesitz meiner Mutter“, weiß Seebach über das gute Stück zu berichten. Seine Vorfahren seien Mennoniten gewesen. Siedlungen im Eußerthal aus dem 18. Jahrhundert lassen auf eine Schweizer Herkunft deuten, was Seebach auch durch den Druckort der Bibel bestätigt sieht. Die Heilige Schrift, wohl einst eine Reisebibel, sei offenbar immer in Ehren gehalten worden und deswegen in relativ gutem, vor allem sauberen Zustand gewesen, so Seebach weiter. „Es war eine Ehrensache für mich, das Buch restaurieren zu lassen, da ich den Mennoniten zugeneigt bin.“ Als Glied in dieser Kette von Besitzern fühle er sich verpflichtet, die Bibel erneuern zu lassen, um sie würdig weiterzugeben. Außerdem plane er, in einem geerbten Häuschen in Queichhambach ein kleines Museum zu eröffnen, in der unter anderem diese Bibel ausgestellt werden soll.

Seit rund 20 Jahren ist das Handwerkerehepaar selbständig und hat in der Restaurierung alter Bibeln seine Nische gefunden: „Wir sind die einzigen in der Region, wohl auch in Rheinland-Pfalz, die sich hierauf spezialisiert haben“, meint die ursprünglich aus dem Münchner Raum stammende Hedwig Müller. Und so kommt es, daß sich ratsuchende Buchbesitzer (meist Privatleute, aber auch Bibliotheken) aus ganz Süddeutschland an Müllers wenden.

Es ist eine aufwendige Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl, Erfahrung und Geduld erfordert, bis manchmal regelrecht von Holzwürmern und Schimmelpilzen zerfressene Bücher wieder in einem solchen Zustand sind, daß man sie getrost anfassen kann, ohne befürchten zu müssen, sie würden sich bei der kleinsten Berührung in Staub auflösen. Rund 70 bis 80 Arbeitsstunden, verteilt auf etwa einen Monat, stecken in der Restaurierung dieser frühen Erzeugnisse der Buchdruckerkunst.

Doch bevor es richtig losgeht, haben die Bücher eine ungewöhnliche Behandlung vor sich. „Jedes dieser alten Bücher muß zuerst ins Krankenhaus“, erzählt Klaus Müller, als sei es das Natürlichste auf der Welt, fügt dann aber schnell erklärend hinzu: „Zum Sterilisieren.“ Schließlich seien die Pilze und Bakterien, die sich zwischen den Seiten und im Deckel im Laufe der vergangenen Jahrhunderte angesiedelt haben, für seine Mitarbeiter und ihn gesundheitsschädlich. In Krankenhäusern biete die Technik hervorragende und gleichzeitig besonders schonende Möglichkeiten der Sterilisation. Nur kurz machen die alten Bibeln im Hospital Bekanntschaft mit hohen Temperaturen, dann kommen sie sofort wieder zurück in die Werkstatt. Hier geht es ihnen schließlich an den Kragen, pardon - an den Rücken: Die Heftfäden werden gelöst, die Seiten vorsichtig herausgenommen. Dabei muß sich der Buchbinder aber ungeheuer konzentrieren, denn - so die Erfahrung von Restauratoren - es kommt schon einmal vor, daß sich die Buchdrucker von anno dazumal mit der Numerierung der Seiten vertan haben. Nach diesem Schritt kommen die Seiten in die sogenannte Papierwaschmaschine, einen rechteckigen Kasten, in dem ein mit Sieben ausgekleideter Rahmen sanft im Wasser wiegt. Das geht aber nur bei gedruckten Büchern, für Handschriften ist das Waschen tabu. „Druckerschwärze verläuft im Gegensatz zur Tinte nicht im Wasser“, so Klaus Müller. Ganz vorsichtig müsse man bei den zahlreichen handschriftlichen Eintragungen sein, die in Bibeln häufig einer Familienchronik glichen. Sie würden auf jeden Fall soweit als möglich erhalten.

Die nassen Seiten werden dann zwischen Pappe und Vliesen getrocknet und wieder sortiert. Intakte Seiten werden mit Buchbinderleim nachgeleimt und so in ihrer Struktur gestärkt und gleichzeitig wieder haltbarer gemacht. Beschädigte und zerrissene Seiten erfordern besondere Aufmerksamkeit. In einem Schöpfbottich werden die alten Seiten auf ein Sieb gelegt, neuer Papierschlamm mit viel Wasser dazugegeben. Die neuen Fasern verbinden sich an den Rißstellen mit den alten Fasern, füllen Löcher auf, so daß eine neue Seite entsteht, in deren Herz die Originalschrift zu lesen ist. Und auch sie werden mit Buchbinderleim, der dank seinem hohen Kalkgehalt die mit den Jahren einsetzende Versauerung des Papiers hemmt, nachgeleimt. Nach diesen aufwendigen Schritten werden die Seiten wieder mit Faden geheftet.

Buchrücken wie Buchdeckel werden ebenso behutsam in ihre Einzelteile zerlegt. Da gibt es manchmal echte Überraschungen, denn auch schon unsere Vorväter kannten das Thema Recycling. Mancher Buchrücken besteht nicht, wie damals üblich, aus festem Holz, sondern aus unzähligen Lagen zusammengeklebten „Altpapiers“. Einmal förderte Müller in Kleinstarbeit Bögen mit Spielkartendrucken, ein anderes Mal seltene Kalender aus der Zeit der Kalenderumstellung zutage. Je nachdem, wie sehr die Buchdeckel zerfressen sind, werden sie durch neue ersetzt oder erhalten und mit Leder entweder komplett neu bezogen oder auch nur unterfüttert, so daß der originale Einband, oder das, was von ihm übrig ist, erhalten bleibt. Mit erhitzten Metallstempeln werden dann die Kalbs-, Ziegen- und Schweineleder nach historischen Vorbildern mit Ornamenten und graphischen Mustern geprägt, bevor von Klaus Müllers riesigem Fundus an eigens nachproduzierten Beschlägen und Schließen das Passende ausgesucht und aufgebracht wird. Ein wenig Fett gibt dem alten Buch schließlich neuen Glanz, und die Müllers können sich der nächsten, der 301. historischen Bibel ihrer Laufbahn widmen.

Auch die 300. historische Bibel, die Müllers wieder verschönert haben, kam in ziemlich abgenutztem Zustand in die Restaurierungs-Werkstatt, ...

zerschlissene Bibel300. restaurierte Bibel
zerschlissene Bibel300. restaurierte Bibel

   ... wo sie in etwa 70 bis 80 Stunden konzentrierter Handwerkerarbeit wieder nahezu ihr altes Gesicht erhalten hat.

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Ausstellung „Buch und Schrift in der Pfalz“

Buchbinderei Müller nutzte das Weinfest-Wochenende zur Präsentation

von H. Meier

Nicht zum ersten Mal hat die Buchbinderei Klaus Müller die traditionelle „Weinkerwe“, das Weinfest in Landau-Nußdorf, zu einer Präsentation für Bücherfreunde und Buchbinder ausgenutzt. Während der zwei Tage standen die Türen der Buchbinderei und des Hofes der Familie Müller weit offen; ca. 20 Aussteller aus den Bereichen rund um das Buch präsentierten ihre Arbeiten einem zahlreichen Publikum. Nußdorf, ein Stadtteil von Landau in der Pfalz - unweit von Neustadt an der Weinstraße - hat von der allgemeinen Landwirtschaft zum Spezialisten im Weinbau mutiert. Und genauso ist aus dem ehemaligen Landwirtschaftsbetrieb im Zentrum des Dorfes die Buchbinderei Müller entstanden. Die Ausstellungsräume können und wollen ihre landwirtschaftliche Herkunft ebenfalls nicht verleugnen...

Die Devise: Nicht jammern, selbst aktiv werden
Obgleich Buchbindereien - und ganz speziell in der breiten Auslegung wie hier - in diesem Landesteil nicht allzu zahlreich sein dürften, ist es doch wichtig, seinen Beruf und dessen Produkte einem breiten Publikum zu präsentieren. Besonders dann, wenn der Betrieb nicht gerade in einem attraktiven, belebten Zentrum angesiedelt ist. Statt über die schlechten Zeiten zu jammern und Aktivitäten vom Berufsverband zu fordern, ist Klaus Müller selbst aktiv geworden; und wie er mir verriet, durchaus mit Erfolg. Vor einiger Zeit hat man die stolze Zahl von 300 restaurierten alten Bibeln erreicht, in der Kadenz von rund einer Bibel pro Monat ist man jetzt mit der Nummer 302 beschäftigt! Klaus Müller, hier im elterlichen Bauernhof aufgewachsen, machte seine Meisterprüfung in Kaiserslautern und führt die 1977 eröffnete Buchbinderei zusammen mit seiner Frau Hedwig Müller-Wiedemann und einer wechselnden Zahl von weiteren Beschäftigten. Hedwig Müller hat nach der Buchbinderlehre und der Gehilfenzeit in München - u. a. bei Mechthild Lobisch - die Meisterschule in München mit der Meisterprüfung in Handwerk und Industrie abgeschlossen. Ihre Spezialgebiete sind die Restaurierung und buchbinderische Sonderarbeiten. Sie kann auf zahlreiche Auszeichnungen zurückblicken. In diesem Jahr hat sie beispielsweise den „Pfalzpreis für das Kunsthandwerk 1999“ gewonnen. „In einem vordergründig eher als traditionell verstandenes Handwerk präsentiert Hedwig Müller einen außergewöhnlichen Umgang mit den Medien Papier und Farbe. Sie kommt zu Lösungen, die spannend, vielfältig und ohne Zweifel innovativ sind“, stellt die Jury fest.

Ein breitgefächertes Sortiment
Die Geschäftszweige der Buchbinderei Müller sind Sortimentsbuchbinderei und Restaurierung, dazu das Rahmen von Bildern. Kunden sind vorwiegend Freiberufler und Private. Eine Spezialität sind Sprungrückenbücher für Zivilstandsurkunden - diese Einbandtechnik kommt der Erfordernis des Fotokopierens zugute. Alte Bände werden erneuert, aus Urkunden (Einzelblätter) werden Lagen gebildet und eingebunden mit Lederrücken, Gewebeüberzug und Metallkantenschonern. Im Restaurierungsbereich werden neue Papiere ggf. in Neschen-Folie (2 x 8 m²) eingesiegelt, alte Papiere in der eigenen Werkstatt gewaschen und angefasert. Klaus Müller ist nicht nur bekannt als Lieferant von Schließen und Beschlägen, sondern auch durch die von ihm herausgegebene Fachliteratur. Daraus abgeleitet gibt es die „Minibücher“, die von ihm selbst aus dem Computer gesetzt, verkleinert und ausgedruckt werden. So z. B. das „Mini-Beutelbuch“ - dieses auch als Gästebuch in verschiedenen Formaten, die „Büchersprüche ernst + heiter“ und die „Mini-Doppelbücher“ (Zwillingsbücher) im Format einer Streichholzschachtel. In diesem Format sind auch die „Mini-Sagen und Geschichten“ als kleinstes Buch der Stadt Landau, herausgegeben in Zusammenarbeit mit einer Landauer Schulklasse. Alle diese Geschäftszweige waren auch Teil einer Ausstellung. Die weiteren Aussteller auf der Kirchstraße, im „Handwerkerhof“ und in der Tenne des ehemaligen Bauernhofes zeigten u. a. Literatur aus der Pfalz, Bucheinbandobjekte, marmorierte Leder und Seiten (auch großformatig), Bücher für Buchliebhaber, Werke des Freundeskreises Mini-Buch e. V. (samt Schema der Herstellung, der Arbeitsgänge und Materialien), Buchmalerei, Kalligraphie und Kalligraphiefedern, Anfertigung von Siegeln, von Gold- und Silberschmuck und nicht zuletzt auch das „Marmorieren für Jedermann“ unter sachkundiger Anleitung von Hedwig Müller.


Verschmutzte Bücher? Ab in die Waschmaschine

Buchbindermeister-Ehepaar aus Landau-Nußdorf restauriert drei wertvolle Bücher aus der Druckerwerkstatt Harnisch

Donnerstag, 17. Februar 2000 -- DIE RHEINPFALZ Nr. 40

Getragene Hemden? Ab in die Waschmaschine. Dreckige Socken? Ab in die Waschmaschine. Verschmutzte Bücher? Ab in die Waschmaschine - in diesem Fall muss es allerdings eine besondere sein. Ein solches Spezialgerät steht in Landau-Nußdorf in der Buchbinderei Müller.
Das Ehepaar Hedwig und Klaus Müller, beide Meister ihres Faches, hat sich auf die Restaurierung alter Bücher spezialisiert und bemüht sich gerade um die Wiederherstellung von drei alten Werken aus der berühmten Neustadter Durckerwerkstatt des Matthias, Matthäus oder auch Matthes Harnisch, der Ende des 16. Jahrhunderts in Neustadt arbeitete. Das Arzneibuch von 1582, das prächtige „Tribuselonim“ von 1599 mit punziertem Goldschnitt, und ein Kommentar zur Heiligen Schrift mit unbekanntem Entstehungsjahr sollen bei der Ausstellung zum Stadtjubiläum gezeigt werden, waren aber in einem alles andere als salonfähigem Zustand.
In einem ersten Schritt fegt der Praktikant Florian Becker - nein, nicht die Werkstatt - sondern die Bücher aus: Seite für Seite entfernt er mit einer feinen Bürste den Staub der Jahrhunderte. Hedwig Müller hat den Buchdeckel des Harnisch-Arzneibuches von 1582 „gehäutet“. Unter dem Schweinsleder-Einband kommt ein dünnes Holzbrett zum Vorschein, das aber nicht nur gebrochen, sondern auch von einem echten Bücherwurm zerfressen ist. Manchmal gehen die Würmer auch ins Papier, doch das ist hier zum Glück nicht der Fall.
Neue Holzdeckel gibt es fertig, sie müssen nur noch zugeschnitten werden. Die Deckel sind an zwei Stellen durchbohrt: Durch das erste Loch werden die dicken Kordeln oder „Bünde“ durchgezogen, die über den Buchrücken verlaufen und an denen die Seiten mit Fäden angeheftet sind. Im zweiten Loch werden die Bünde mit einem kleinen Holzpflock verkeilt. Auf der anderen Seite halten kleine Riemchen mit metallenen Schließen das Buch geschlossen. Doch die Lederriemen werden im Laufe der Zeit brüchig, die Schließen fehlen meistens. „Nur das fest im Buchdeckel eingelassene Verschluss-Gegenstück ist in der Regel noch vorhanden“, erzählt Hedwig Müller. Die Messingschließen müssen daher ebenfalls nachgefertigt und neu befestigt werden.
Jeweils drei bis vier Doppelblätter haben die alten Buchbinder mit Fäden zusammengeheftet, die wiederum an den Bünden befestigt waren. Im Falle des Arzneibuches ist der Buchblock noch recht gut in Ordnung, nur die ersten Seiten sind lose, einige auch stark vom Zahn der Zeit angeknabbert. Doch selbst solche Fehlstellen sind kein Problem für die Restauratoren: In Klaus Müllers Nasswerkstatt im Keller der Buchbinderei können selbst größere fehlende Flächen wieder ergänzt werden.
Doch zuvor kommt die eingangs erwähnte Waschmaschine ins Spiel:
alte Papiere waschenMüller legt die voreinander gelösten Seiten auf ein großes Plastiksieb, jeweils voneinander durch ein Papiersieb getrennt. Ein ganzer Packen alter Seiten kommt dann in die Maschine, einen Wasserkasten, in dem die Papierstöße sanft hin- und hergeschaukelt und umspült werden. Dabei löst reines Wasser ohne Zusätze den Gilb der Jahre - die Blätter sind nach vier bis fünf Stunden wieder bleich und sauber wie am ersten Tage. Stockflecken, Staub und Dreck werden ausgeschwemmt. „Moderne Papiere würden das nicht aushalten“, sagt Müller schmunzelnd, doch hier geht es um Papiere aus Hader, Lumpen, Wollresten und dergleichen.
Einen ähnlichen Papierrohstoff aus Baumwolle hebt Müller als flockiges weißes Pulver in Einmachgläsern auf. Ein, zwei Löffel davon gibt er in einen Küchenmixer und rührt mit Wasser einen dünnen Papierbrei an. In einem Wasserkasten liegt eine defekte Seite auf einem Siebeinsatz unter Wasser. Hier hinein wird der Papierbrei gepumpt, der sich wie durch ein Wunder an der Fehlstelle anlagert, als Müller das Sieb heraushebt. Die so angeflickte Seite wird zwischen Filzen gepresst und muss später noch beschnitten werden.
Weil beim Waschen und Anfasern aber auch der Kleister ausgeschwemmt wird, der dem Papier die Festigkeit gab, müssen die Seiten nachgeleimt werden. Das geschieht auf einer siebartigen Arbeitsfläche, durch die ein Gebläse Luft saugt. Wenn Müller nun die Papiere mit einer Bürste einkleistert, dringt der Kleber ins Papier ein und gibt ihm neue Festigkeit. Anschließend werden die Seiten zwischen stark saugenden Pappen getrocknet. Nach dreimaligem Wechsel der Zwischenlagen sind die Blätter nach etwas vier Stunden wieder trocken - rasch genug, um erneutes Schimmeln oder Wasserflecke zu verhindern. Der Rest ist Fleißarbeit: Die Bücher werden neu geheftet und wieder in die restaurierten Deckel eingebunden.

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Handgefertigtes Gästebuch für die Festhalle

Spende des Nußdorfer Buchbinder-Ehepaares Müller - Oberbürgermeister: Eine tolle Idee

Samstag, 05. Januar 2001 -- DIE RHEINPFALZ

Gästebuch

Rechtzeitig zur Einweihung der sanierten Festhalle überreichten gestern Klaus und Hedwig Müller von der Buchbinderei Müller in Nußdorf dem Vorsitzenden des Festhallenfördervereins, Oberbürgermeister Dr. Christof Wolff, das von ihnen eigens angefertigte Gästebuch. Für dieses Geschenk wurde ihnen ein silberner Stifterbrief verliehen.
Die Spende des Gästebuches hält OB Wolff für eine „tolle Idee“. Die Buchbinderei Müller bringe sich damit zu Beginn einer neuen Ära der Festhalle in die Geschichte der Stadt ein. Für diesen besonderen Einsatz überreichter er nach Entgegennahme des Buches in Anwesenheit von Thomas Hirsch, Geschäftsführer der Finanzholding Landau, die die „gute Stube“ der Stadt betreiben wird, den silbernen Stifterbrief.
...
Die Buchbinderei hat schon öfter gespendet, zum Beispiel in Form von Preisen für die Tombola des Landauer Nikolausmarktes, deren Erlös der Sanierung der Festhalle zu Gute kommt, aber auch für andere Projekte wie das Frank-Löebsche Haus oder das Alte Kaufhaus. Für letzteres hat das Ehepaar Müller 1997 ebenfalls ein handgefertigtes Gästebuch überreicht. (kii)

 


Restaurator für bibliophile Kostbarkeiten

Sonntag, 27. April 2003 -- evangelischer Kirchenbote

Mit einem kleinen scharfen Werkzeug durchtrennt Buchbindermeister Klaus Müller Heftfäden und löst so einzelne Papierbögen aus dem Einband einer alten Bibel. Der 51-jährige aus Landau-Nußdorf gilt als „Bibeldoktor“ in der Pfalz. 350 Heilige Schriften hat er in den vergangenen 20 Jahren restauriert.

Familienbibel 17. Jahrhundert

Ein Buchdoktor mit Papierwaschmaschine

Klaus Müller aus Landau-Nußdorf hat in den vergangenen 20 Jahren rund 350 alte Bibeln restauriert

Landau. In der Pfalz gilt er als „Bibeldoktor“, der Buchbindermeister Klaus Müller aus dem Landauer Ortsteil Nussdorf. In seiner Werkstatt restauriert er zusammen mit seiner Frau Hedwig seit mehr als 20 Jahren alte Bibeln. „Wir haben gerade die 350. historische Bibel generalüberholt“, berichtet er. Das deutsche Werk aus dem Jahr 1730 im Din-A4-Format hat einen dunkelbraunen kalbsledernen Einband. Ein Pfarrer aus dem nordbadischen Raum hatte es mit beschädigtem Einband, losen und teilweise von Schädlingen angefressenen Seitenrändern abgegeben. Etwa ein Jahr lang ist das wertvolle Buch beim Restaurator gewesen.
Mehrere Arbeitsschritte sind nötig, um das antiquarische Werk von Grund auf zu erneuern. Zunächst befreit der 51-jährige Buchrestaurator jede Seite mit einer Naturhaarbürste von Staub und Fremdkörpern. Dann lösen Müller und seine Mitarbeiter die Bögen aus dem Einband und von den Baumwoll-Fäden, die sie zusammenhalten. Die Buchbögen werden für etwa vier Stunden in die so genannte Papierwaschmaschine gelegt. Statt Trommelbewegungen verursacht die Maschine nur leichte Wellenbewegungen; sodass die Bögen sanft durchgespült und von Unreinheiten befreit werden.
Am nächsten Tag ergänzt Mitarbeiterin Isabel van Weel zerlöcherte, zerrissene und angefressene Papierbögen in einem weiteren Wasserbad, in der so genannten Anfaserungsmaschine, mit Papierfasern, sodass die Bögen wieder vollständig werden. Dafür rührt sie einen Brei aus Baumwolle an, der als Papierrohstoff dient. Sie gibt ihn in das leicht sprudelnde Wasser, dabei legen sich die frei schwimmenden Baumwollfasern kaum sichtbar auf die Seiten. Anschließend werden die Bögen aus dem Bad genommen, getrocknet, mit Buchbinderleim bestrichen, wieder getrocknet und anschließend zwischen Pappplatten in der Papierpresse gepresst.
Im nächsten Arbeitsschritt heften Hedwig und Klaus Müller die Seiten mit neuen Baumwollfäden und ergänzen gegebenenfalls den Ledereinband. Bei der Bibel von 1730 war das Leder des Buchdeckels zerschlissen, Hedwig Müller ergänzte es mit gleichfarbigem Kalbsleder. Abschließend stellt Klaus Müller neue Schließen aus Leder und Messing her.
„Bis 1850 ist das Bibelpapier aus Baumwolle und Lumpenfasern gemacht worden, danach aus Holz“, berichtet Klaus Müller. „Deshalb brauchen wir für alte Bibeln mit Erscheinungsjahr vor 1850 den Baumwollbrei, um Risse, Fasern und fehlende Papierstellen zu ergänzen“, so Müller. Für jüngere Bibeln dagegen gebe es Papiervliese aus Zellulosefasern, die nur auf die Seiten aufgebügelt würden. Für die Aufarbeitung einer alten Heiligen Schrift nimmt der „Bibeldoktor“ je nach Restaurierungsaufwand zwischen 1000 und 2000 Euro. dob

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350. Bibel restauriert

Im März, im Jahr der Bibel (2003), kam eine völlig beschädigte Bibel in die Buchbinderei Müller, Landau-Nußdorf, Kirchstraße 49. Sämtliche Blätter waren beschädigt, vermutlich hatte das „Buch der Bücher” eine längere Zeit im Wasser bzw. in feuchtem Zustand gelegen.
Bibel, 1700, FrankfurtDer Original-Ledereinband war schon vor vielen Jahrzehnten in die Brüche gegangen, Metallecken und Schließen fehlten oder waren nur noch in Bruchteilen vorhanden. Diese Heilige Schrift, altes und neues Testament, ist für unsere Gegend in der Pfalz eine seltene Auflage. Vermutlich wurde die Biblia um 1700 in Frankfurt gedruckt; das Titelblatt, das eine genaue Datierung ermöglichen könnte, und auch einige Textblätter vorne und hinten fehlten.
Die vorgenommenen Arbeitsschritte waren zunächst das ganze Buch in die einzelnen Heftlagen zerlegen, trocken reinigen und alle Blätter waschen. Alle beschädigten Textblätter wurden mit neuem Papierbrei ergänzt, mit Magnesium-Karbonat und Methylzellulose nachgeleimt und wieder getrocknet.
Nach dem sorgfältigen Beschneiden aller Papierblätter wurden die geordneten Bogen wieder mit Nadel und Faden geheftet. Mit einem neuen Ledereinband und Blindprägungen wurde der alters- bzw. zeitgemäße Charakter wieder hergestellt. Neue Metallecken und Schließen wurden angefertigt, mit den alten Buchbeschlägen ergänzt und befestigt.
restaurierte AltenbibelDie ganze Buchrestaurierung war sehr aufwändig und zog sich über mehrere Monate hin. Rechtzeitig zum Welttag des Buches, am 23. April 2004, konnte dann diese wertvolle jahrhunderte alte Bibel ihrem Besitzer übergeben werden.
Die Buchbinderei Müller erfasst bei ihrer „Bibel-Zählung” nur die wertvollsten und aufwändigsten Restaurierungen. So wurde jetzt - neben den alltäglichen Buchbinderarbeiten - die 350. große Bibel-Restaurierung fertig gestellt.

 

 

 

 

 

 


Das Goldene Buch der Landeshauptstadt

Geschichte zwischen Ziegenleder

Montag, 13. Dezember 2004 -- Saarbrücker Zeitung Nr. 290

Saarbrücken. Dunkelblaues, afrikanisches Ziegenleder, 500 Seiten handgeschöpftes Papier. In dem Buch, das seit fünf Tagen im Tresor der Stadt Saarbrücken aufbewahrt wird, steckt jede Menge Arbeit. Klaus Müller, Buchbinder aus dem rheinland-pfälzischen Landau, hat es in Handarbeit gefertigt. Das schwere Werk mit dem Wappen der Landeshauptstadt ist das neue Goldene Buch Saarbrückens.
Noch sind die blütenweißen Seiten leer. Doch schon bald soll es sich mit Unterschriften prominenter Besucher der Stadt füllen. „Es ist bereits das dritte Goldene Buch”, erklärt Werner Theis, Leiter der städtischen Protokollabteilung. Der US-Generalkonsul Peter W. Bodde hatte Ende September auf die letzte Doppelseite des zweiten Buchs seine Unterschrift gesetzt.
Zu dieser Zeit war Theis schon auf der Suche nach einem neuen Buch. „Es war ein schwieriges Unterfangen, einen geeigneten Buchbinder zu finden”, sagt er. „5000 Stück machen zu lassen, das wäre kein Problem gewesen. Aber jemanden zu finden, der ein einziges Buch fertigt, das war schwierig.” 25 Stunden hat Buchbinder Müller am Goldenen Buch gearbeitet. 80 Jahre lang sollen nun besondere Gäste der Stadt sich darin verewigen.

Goldenes Buch


Irgendwann wird es dann Geschichten erzählen. Von glanzvollen Besuchen, interessanten Begegnungen. Es wird ein Stück Geschichte widerspiegeln. Das vorangegangene Goldene Buch wurde im Juni 1948 eingeweiht.
Gilbert Grandval und Johannes Hoffmann haben auf der ersten Seite unterschrieben. Viele Botschafter, Politiker, Künstler und Sportler folgten. Unterschriften von Robert Schuman, Theodor Heuss, Francois Mitterand erinnern an deren Besuche. Theis ist auch der Besuch von Sängerin Patricia Kaas im Gedächtnis geblieben. „Sie kam herein wie Edith Piaf. Umhüllt war sie von einem langen Kamelhaarmantel, in dem sie fast klein wirkte.” Unterschrieben hat sie dafür umso schwungvoller.
Für den Eintrag gibt es keine protokollarischen Vorgaben, erklärt Theis. Das heißt: Jeder kann schreiben, was er will. Der französische Zeichner Raymond Peynet hat mit flotten Strichen sogar ein Liebespaar ins Goldene Buch gemalt. Auch von Freundschaften zeugt das Goldene Buch: So etwa vom Beginn der Partnerschaft mit Nantes im Jahr 1966. Wer auf die erste Seite des neuen Goldenen Buches seine Unterschrift setzen darf, das steht noch nicht fest.

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So sauber wie aus Doktor Fausts Skriptorium

Wie eine Nußdorfer Bücherei vom Verfall bedrohte Bücher rettet - 375 alte Bibeln restauriert

Dienstag, 18. April 2006 -- DIE RHEINPFALZ Nr. 90

Gut Ding will Weile haben. Dies gilt auch für die Restaurierung seltener, bibliophiler Kostbarkeiten, einem traditionsreichen Handwerk, auf das sich die Buchbindermeister Hedwig und Klaus Müller in ihrer Nußdorfer Werkstatt spezialisiert haben. Im Februar haben sie ihre 375. Bibel fertig restauriert und das wertvolle Stück seinem stolzen Besitzer zurückgegeben. Ein Jahr lang hat die aufwändige Wiederherstellung der uralten Heiligen Schrift gedauert, die vermutlich längere Zeit in einem feuchten Keller ihr Schattendasein fristete und an der nicht nur der Zahn der Zeit genagt hatte.
Inzwischen warten bereits wieder zehn weitere, vom Verfall bedrohte Relikte der Vergangenheit auf die fachkundige Bearbeitung von Meisterhand. Die 1000-seitige „Nürnberger Lutherbibel”, die jetzt vor Klaus Müller auf dem Werkstatttisch liegt, stammt aus dem Jahr 1733 und hat veritable Ausmaße: Fast 40 Zentimeter hoch, 25 Zentimeter breit und 13 Zentimeter dick, wiegt sie stattliche sieben Kilogramm. Stockflecken und Eselsohren verunzieren das Buch der Bücher, etliche Seiten sind arg zerfranst, einige zerrissen. Der einstige Ledereinband fehlt ebenso wie die Metallecken und Schließen. Nur noch Teile des Deckels aus Buchenholz sind erhalten. „Oft sieht man an den Kerben auf dem Holz, dass der Hausvater auf der Bibel Brot geschnitten hat”, weiß Meister Müller. Behutsam entfernt er die Fäden, mit denen die Papierbögen zusammengeheftet waren und zerlegt das Buch in einzelne Lagen. Mit einem feinen Pinsel wird jede Seite sorgfältig von jahrhundertealtem Staub befreit.
Doch wie werden die verschmutzten Seiten wieder sauber und leserlich? „Die kommen in die Papierwaschmaschine”, erklärt Müller und steigt in den Kellerraum hinab. Dort breitet er jeweils bis zu 100 Seiten auf einem Plastikgitter in einem Becken aus, wo die Bögen von reinem, kaltem Leitungswasser stundenlang sanft umspült werden. Dabei schwenkt das Nass den Schmutz und Gilb von Jahrhunderten heraus, und die Blätter werden so sauber, als kämen sie frisch aus Doktor Fausts Skriptorium.
Für Seiten, denen ein Stück fehlt, folgt dann die nächste Prozedur: die Anfaserungsarbeit. Hierfür legt Müller die beschädigte Seite auf einen Siebeinsatz in einen Wasserkasten. In einem Glas rührt er Papierrohstoff und Wasser an und schüttet alles in einen Küchenmixer, der das Gemisch eins-zwei-drei zu Brei zerwirbelt. Falls nötig, rührt Müller noch, je nach Farbton der Originalseiten, selbst hergestellte Farbe hinzu. Durch einen Schlauch wird der Papierbrei in das Wasserbecken gepumpt.
Als der Meister das Papier vom Sieb nimmt, hat sich der Faserbrei wundersamerweise an den fehlenden Ecken angelagert. Auch der Kleister, der durch das Waschen und Anfasern ausgeschwemmt wurde, muss ersetzt werden: Seite für Seite wird eingepinselt mit Weizenkleister, der dem Papier die notwendige Festigkeit verleiht. Die nassen Blätter trocknen zwischen Vlieslagen in einer 100 Jahre alten, gusseisernen Presse, der „Gauche“. So lange, bis die gesamte Feuchtigkeit aus dem Papier gesaugt ist. Nach dem sorgfältigen Beschneiden aller Papierblätter erhalten die geordneten Bogen wieder ihr Rückgrat: mit Nadel und Faden werden sie wieder zusammengeheftet.
„Heften macht mir am meisten Spaß“, sagt Renate Schreiber, die seit 22 Jahren in der Buchbinderei Müller arbeitet. „Dabei kann ich nämlich sitzen“, ergänzt sie. Die meisten Buchbinderarbeiten gehen allerdings im Stehen besser von der Hand. Wie etwa das Glätten der Seiten, wofür sie ein ganz normales Haushaltsbügeleisen verwendet.
Bis die 273 Jahre alte Lutherbibel wieder in ihrem neuen, alten Glanz erstrahlt, mit zeitgenössischem Ledereinband eingebunden und eigens angefertigten Metallecken und Schließen versehen ist, werden noch einige Monate vergehen. Denn schließlich ist die Bibelrestaurierung nicht der einzige Broterwerb des Meisterehepaars. „Die alltägliche Buchbinderarbeit muss nebenbei auch mitlaufen“, sagt der Meister und deutet auf einen Stapel alter Bücher in einem Regal. Darunter Märchenbücher, die ein Großvater für seine Enkel restaurieren lassen will und ein abgegriffenes Kochbuch von 1898.
Begonnen hat die alte Handwerkskunst in der Kirchstraße im Jahr 1977, als sich Müller im Keller, unter dem Lebensmittelladen seines Vaters, selbstständig machte. „Im Keller liegt unsere Keimzelle“, meint er. „Aber jetzt leben wir schon seit 20 Jahren über der Erde“, lacht seine Frau Hedwig – und beugt sich an ihrem Arbeitstisch über die vergilbten Buchseiten einer anderen Bibel. Auf deren Titelblatt steht in altertümlichen Lettern: „Anjetzt mit gantz neuen und schönen Kupfer-Bildnissen nebst derenselben beygedruckten Lebensläufen ausgezieret, dann von denen vorhin eingeschlichenen Druck-Fehlern auf das fleissigste gereiniget“.

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Bibeln bekommen neues Gesicht

Buchbinder-Ehepaar Hedwig und Klaus Müller restauriert seit 25 Jahren alte Bücher

Dienstag, 13. November 2007 -- DIE RHEINPFALZ Nr. 263

Von Ingelore Dohrenbusch (EPD)

Die 400. Bibel restaurierten Hedwig und Klaus Müller, Buchbinder-Ehepaar aus Landau-Nussdorf, kürzlich in ihrer Werkstatt. Seit 25 Jahren geben sie mit handwerklichem Können und unter Einsatz von Geräten Jahrhunderte alten zerfallenen Exemplaren der Heiligen Schrift wieder die alte kompakte Form zurück.
„Unser neuester Patient ist ein Bibelexemplar von 1660, das in Wittenberg und Frankfurt am Main bei Balthasar Christoph Wusten gedruckt wurde”, sagt Klaus Müller und streicht über den dunkelbraunen neuen Ledereinband. Als ein Südpfälzer das Buch gebracht habe, seien vom Original-Ledereinband nur noch Teile übrig gewesen. Metallschließen hätten gefehlt, die Einbindung der Seiten seien zerfleddert und die Blätter an den Rändern teils zerfallen gewesen. „Das Werk muss längere Zeit Feuchtigkeit ausgesetzt gewesen sein”, sagt Müller. Wasserflecken und -schäden auf den Seiten haben der Bibel ziemlich zugesetzt.
Er und seine Frau haben das Werk ein dreiviertel Jahr lang restauriert: Zunächst zerlegten sie es in die einzelnen Heftlagen und reinigten die Seiten. Sie befreiten die Bibel mit einer Naturhaarbürste von Staub und Fremdkörpern. Dann wuschen sie alle Blätter in der Papierwaschmaschine.
Die wasserfeste Druckerschwärze überstand die Prozedur unbeschadet. Die beschädigten Textblätter wurden mit neuem Papierbrei aus Zellulosefasern ergänzt und die getrockneten Seiten mit festigendem Spezialleim bestrichen. Nach dem Beschneiden aller Papierblätter auf reduziertes DIN-A4-Format hefteten die Restauratoren die geordneten Seiten und Bögen wieder mit Nadel und Faden. Mit einem Einband aus Rindsleder und neuen Buchschließen aus Metall ist das Werk wieder etliche Jahrzehnte einsatzfähig.
„Unser schwierigster Fall war bisher ein Buch aus Neustadt, eine Hanisch-Bibel von 1594”, erzählt Hedwig Müller. Das Buch sei wurmzerfressen, der Einband nicht mehr vorhanden gewesen. Doch solche Sorgenkinder zu restaurieren, sei am interessantesten. „Man sieht, was man gemacht hat.”
Nach den Worten von Klaus Müller gibt es in Deutschland rund 1000 handwerkliche Buchbindereien. Nur etwa 100 davon seien Betriebe, die Bücher auch restaurierten. In ihrer Werkstatt arbeiteten die beiden Buchrestauratoren genauso viele Kochbücher wie Bibeln auf. „Auch an den Jahrzehnte bis Jahrhunderte alten Koch- und Backbüchern aus ihren Familien hängen die Leute”, weiß er.

400. restaurierte Bibel mit Buchschließe

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schöne und edle Form

Hedwig Müller erhält den Preis des Handwerks Rheinland-Pfalz

Dienstag, 23. September 2010 -- DIE RHEINPFALZ 

Freunde schöner und edel verarbeiteter Gebrauchsgegenstände, die sich zudem auch noch wohltuend von der Uniformität industrieller Massenproduktion abheben, kommen dieser Tage im Mußbacher Herrenhof voll auf ihre Kosten: Bei der Ausstellung zum Staatspreis für Kunsthandwerk ist die Creme de la creme der rheinland-pfälzischen Kunsthandwerker versammelt (wir berichteten gestern auf der Kulturseite), darunter auch viele Pfälzer.
Zu sehen sind in der Herrenhof-Kunsthalle die Arbeiten aller 45 Teilnehmer, die in diesem Jahr für den Wettbewerb um den Staatspreis und den traditionell zeitgleich mit diesem vergebenen Preis des Handwerks zugelassen wurden – rund 250 Beispiele aus den Bereichen Fotografie, Glas, Holz, Keramik, Metall, Papier, Schmuck/Edelstein und Stein, die vor allem eines gemeinsam haben: dass sie den zwischen Ikea-Möbeln hockenden Normalverbraucher zum Träumen bringen. Wobei sich die Träume, das nötige Kleingeld vorausgesetzt, in Mußbach auch verwirklichen lassen.
Dabei sind die Wettbewerbsbeiträge der insgesamt fünf Preisträger, darunter die Landauer Buchbindermeisterin Hedwig Müller, wie es sich gehört, besonders prominent gleich im Eingangsbereich postiert. Förmlich in den Blick drängen sich hier die exquisiten Küchentische der Tischlerei Sommer aus Breitscheid im Westerwald, die das Herz eines jeden Hobbykochs höher schlagen lassen. Edle Materialien verbinden sich mit exquisiter Verarbeitung und gelungenem Design. Die Sommers, Firmenchef Gregor Sommer war übrigens vor neun Jahren schon einmal Staatspreisträger, teilen sich den mit 15.000 Euro dotierten Staatspreis in diesem Jahr mit der Glasgestalterin Carolin Schwarz aus Holzappel bei Montabaur, deren an Vorbilder der konkreten Kunst erinnernde Fensterbilder gleich rechts des Eingangs zu finden sind. Der Entstehungsprozess dieser Glasarbeiten ist handwerklich sehr aufwendig: Die einzelnen Farben müssen in jeweils separaten Ofengängen in die Grundfläche eingeschmolzen werden.
Noch filigraner und artifizieller als diese Glasarbeiten wirken die formschönen Schächtelchen und „Krimskrams-Kästchen“ aus Karton, die Hedwig Müller den Preis des Handwerks eingebracht haben. Eine Spezialität der Nußdorferin ist Kleisterpapier, auf das sie verschiedene Farbschichten aufbringt und das sich dann für allerlei Zwecke einsetzen lässt, die das Leben schöner machen: Für Bucheinbände oder Buchschuber vor allem, die das Lesen sicher zu einem Fest für die Sinne machen. Für Müller, die in der Region nicht zuletzt durch ihre aufwendigen Buchrestaurierungsprojekte bekannt ist, schließt sich mit dem Preis gewissermaßen ein Kreis: Schon 1984 erhielt sie den Förderpreis des Kunsthandwerks Rheinland-Pfalz. Den mit 5.000 Euro dotierten Handwerkspreis teilt sich Müller mit dem Metallgestalter Michael Gradinger aus Mainz, der für seine extravagant geformten Zaunelemente, die klassische Schmiedeeisentechnik mit lasergeschnittenen Präzisionsformteilen kombinieren, ausgezeichnet wurde.
Unter den 45 Teilnehmern sind wieder die Schmuckgestalter am stärksten vertreten. Auch die Förderpreisträgerin Katharina Dettar, Studentin an der Fachhochschule in Idar-Oberstein, ist diesem Bereich zuzuordnen. Sie kombiniert in ihren Schmuckobjekten Edelsteine und -metalle mit Alltagsmaterialien wie Zeitungspapier, Muscheln oder Steinen und steht damit für ganz andere Formensprache als beispielsweise die Edenkobenerin Britta Bode mit ihren kühl-konstruktiv anmutenden Broschen aus Silber und Acrylglas oder Susanne Aheiger aus Lingenfeld mit ihren verspielten Colliers voller Blüten und Schmetterlingen.
Weitere Pfälzer sind der Keramikmeister Manfred Braun aus Dannenfels, Staatspreisträger 2007, mit seinen perforierten Leuchtobjekten aus Steinzeug und Porzellan, der Grünstadter Drechslermeister Heinrich Andreas Schilling mit seinen exquisiten hölzernen Bucheinbänden, bei denen unter anderem alte Fassdauben verarbeitet wurden, und der Kaiserslauterer Steinmetz Richard Henkel mit einem „Weinstein“ genannten beleuchteten Flaschenhalter aus Marmor. Der Gimmeldinger Keramikdesigner Hans Werner Scholl bringt exklusive offene Kamine aus Keramik.
(hpö)

24 kleine Schachteln

Hedwig Müller: „Einfach 24 kleine Schachteln“